Review: Inklusion auf dem Prüfstand

Am Donnerstag, den 28.09.2017 fand im Forum der Graf-Anton-Günther-Schule eine Podiumsdiskussion zur Fragestellung

„Inklusion auf dem Prüfstand – erfolgreiche Bildungspolitik?“
statt.

Zu Beginn der Veranstaltung hielt Hr. Prof. Dr. Lindemann einen sehr informativen Fachvortrag, in dem er deutlich machte, dass Inklusion auf der Basis der Behindertenrechtekonvention der UNO aus dem Jahr 2007 ein Menschenrecht ist und Deutschland sich zur Umsetzung verpflichtet habe.
Inklusion solle die Teilhabe an möglichst allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglichen, was nicht durch die Exklusion von Kindern in eigenen Förderschulen gewährleistet sei.
Hr. Lindemann skizzierte auch Rahmenbedingungen zur Umsetzung einer solchen inklusiven Bildung:
Entscheidend sei, dass man sich vom klassischen Frontalunterricht und der inhalts- und methodengleichen Beschulung aller Teilnehmer/-innen einer Lerngruppe verabschiede. Stattdessen sollen Schülerinnen und Schüler in kleinen Lerngemeinschaften in ihrem eigenen Tempo und auf ihrem eigenen Niveau lernen.
Dieses Vorgehen sei, so konnte man Hr. Lindemanns Ausführungen deuten, unabhängig von der Aufgabe der Inklusion unter den veränderten Rahmenbedingungen einer heterogener werdenden Gesellschaft das maßgebliche Zukunftsmodell für alle Schulen.
Er gab aber auch zu bedenken, dass guter, differenzierter Unterricht sicher nicht mit den momentanen Klassengrößen und der oftmals fehlenden Betreuung der Kinder mit Förderbedarf umgesetzt werden kann.

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion wurde das Thema unter hohem Engagement des fachkundigen und interessierten Publikums über drei Stunden diskutiert.

Frau Anne-Marie Glowienka (CDU) machte klar, dass Inklusion ohne Wenn und Aber zum Wohle des Kindes, jedoch nicht mit der Brechstange umgesetzt werden solle.
Dies bedeute, dass das aus ihrer Sicht überstürzte Handeln der rot-grünen Landesregierung erst einmal auf den Prüfstand gestellt werden müsse und die weitere Umsetzung inklusiver Maßnahmen pausiert werden sollte. Nach einer ca. einjährigen Prüfung solle Inklusion mit Augenmaß weiter fortgeführt werden.
Es sei wichtig, Eltern und Kinder nicht zu bevormunden und ihnen die Wahlmöglichkeit der zu besuchenden Schule zu lassen. Die Förderschulen sollten also nicht geschlossen werden.

Dem entgegnete Herr Axel Brammer (SPD), dass es da nichts zu prüfen gebe, da die bisherige Landesregierung die Umsetzung im Sinne der Menschenrechtskonvention im Griff habe. Die Umsetzung sei von der vorherigen Regierung nicht konsequent angepackt worden.
Er sprach sich für multiprofessionelle Teams an Schulen und als begleitende Maßnahme für die Abschaffung der Studiengebühren aus.
Die bestehenden Probleme seien in erster Linie auf einen deutschlandweiten Lehrermangel zurückzuführen, für den nicht die Landesregierung verantwortlich sei.
Zudem verwies er auf die seit Jahren bekannten Zusammenhänge zwischen Einkommen, Sozialisation, Bildungserfolg und späterem Einkommen. Die schulische Förderung von ärmeren Kindern, bildungsfernen Schichten sowie Kindern mit Förderbedarf würden jetzt gemeinsam von SPD und Grünen angegangen.

Herr Herbert Schuster (Die Grünen), selbst Berufsschullehrer, konkretisierte im Lauf der Veranstaltung die mögliche Umsetzung inklusiver Maßnahmen.
Nötig seien mehr Fortbildung für Lehrer, eine Neuorganisation der Lehrerausbildung, um diese für die Zukunft inklusionsfit machen, mehr Autonomie für die Schulen und weniger einschränkende Bürokratie und Erlasse, um den Schulen die Möglichkeit zu geben, sich umzuorganisieren und den bestehenden Lehrermangel abzufedern.
Er ließ keinen Zweifel an der nötigen konsequenten Umsetzung inklusiver Maßnahmen und betonte die bestehenden rechtlichen Verpflichtungen.

Diese Positionen wurde auch von Tania Haji (Die Linke) unterstützt, die sich für eine bessere finanzielle Ausstattung der Schulen und mehr pädagogisches Personal aussprach. Leider konnte Frau Haji nicht bis zum Ende der Veranstaltung bleiben und ihr Konzept somit nur skizzieren.

Frau Daniela Pfeiffer (FDP) unterstützte zwar weder die Schließung der Förderschulen noch das Aussetzen der Inklusion, wie sie die CDU fordere, setzte sich aber ebenfalls für eine eher langsamere Umsetzung ein. Inklusion als Prozess setze eine Anpassung des bisherigen Schulsystems voraus, welche Zeit brauche. Wichtig sei die Wahlfreiheit der Eltern, um eine kindzentrierte Förderung zu gewährleisten, welche eben auch in den bestehenden Förderschulen umgesetzt werden könne.
Auch die Lehrerausbildung müsse angepasst werden, was Zeit benötige.
Um den Lehrberuf attraktiver zu machen und dem Personalmangel entgegenzuwirken, stellte Frau Pfeiffer eine Erhöhung der Bezüge in Aussicht.

Auch Herr Arnold Hansen (Freie Wähler) stellt die gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder nach dem Bundesteilhabegesetz keinesfalls in Frage, unterstützte aber die Forderung der CDU und FDP nach dem Erhalt der Förderschulen und der Wahlfreiheit der Betroffenen.
Um die Maßnahmen wie Fortbildung der Lehrkräfte, Behebung des Personalmangels und eine bessere Ausstattung der Schulen umzusetzen, müsse sich der Bund finanziell stärker engagieren und die Inklusion nicht einfach den Bundesländern überlassen, die mit der Finanzierung überfordert seien.

Herr Harm Rykena (AfD) lehnte hingegen die weitere Umsetzung der inklusiven Beschulung von Kindern mit Förderbedarf in Regelschulen strikt ab. Er selbst habe als Lehrer an einer Brennpunktgrundschule die Erfahrung gemacht, dass dies nicht sinnvoll sei und alle Beteiligen überfordere.
Auch finanziell sei der Aufwand für die Umsetzung viel zu hoch. Effektiver und sinnvoller sei der Erhalt des bisherigen Systems der Förderschulen, die seiner Ansicht nach bereits gesellschaftliche Inklusion sicherstellten.

Am Ende der Veranstaltung war allen Beteiligten klar, dass Inklusion unter den momentanen Arbeitsbedingungen in Schulen nicht im gewünschten Maße umgesetzt werden kann. Dies machten auch die vielen betroffenen Gäste klar (Eltern und Lehrkräfte), die die Politikerinnen und Politiker immer wieder aufforderten, konkrete Maßnahmen zu benennen, wie ihre Konzepte umgesetzt werden sollen.

Wir danken allen Beteiligten für ihr großes Engagement und ihr Durchhaltevermögen auf dieser bisher mit fast vier Stunden längsten Veranstaltung, die wir durchgeführt haben.

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