Review: Glyphosat – Kontrovers

„Glyphosat – Kontrovers“
Unter diesem Motto diskutierten rund 120 Gäste, 7 eingeladene Politiker und Gastredner Dr. Josef Kuhlmann (LWK Niedersachsen/Oldenburg) am Donnerstagabend, den 18.10. von 18.30 – 22.00 Uhr in Meyers Gasthaus in Huntlosen über die Nutzung des Unkrautvernichters Glyphosat.
Neben den heftigen Debatten war an diesem Abend das neue Format unserer Podiumsdiskussion eine Besonderheit: Nachdem wie bisher der Abend mit einem Fachvortrag zur Sachlage begann, folgten daraufhin nur noch die Eingangsstatements der Politiker zu zwei von uns gestellten Fragen, bevor die Podiumsgäste sich im Saal verteilten, um mit den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern direkt zu diskutieren.

Zu Beginn präsentierte Dr. Josef Kuhlmann die Sachlage um den Unkrautvernichter und veranschaulichte sowohl den Nutzen als auch die Risiken der Nutzung von Glyphosat nach dem bisherigen wissenschaftlichen Stand. Während die Landwirtschaft den Nutzen des Glyphosateinsatzes deutlich größer als das Risiko einschätzt, ist die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürgern immer öfter genau andersherum.
Aus der Perspektive der Landwirte stehen erhebliche Ertragserhöhung und daneben eine Qualitätssteigerung in Lebensmitteln wie Kartoffeln, Getreide und Mais im Vordergrund. Des Weiteren sei es mit dem Einsatz von Glyphosat effizienter für einen Landwirt, pfluglose Bodenbearbeitung zu betreiben, die deutlich umweltverträglicher ist als traditionelle Methoden. An dieser Stelle merkte Herr Kuhlmann an, dass strenge europäische Vorgaben für die Nutzung des Herbizids vorlägen, wonach dieses Mittel nicht im Bestand, also nicht in der Kultur angewendet werden dürfe. Im Vergleich zu den USA seien in der EU einerseits die Bereiche, in denen Glyphosat verwendet werden dürfe, eingegrenzter und andererseits die Anzahl an zugelassenen Wirkstoffen wesentlich geringer, so Kuhlmann. Daneben wirke sich Glyphosat auf die Ackerhygiene, im Grünlandbereich auf das Abtöten von Bewuchs in Moorregionen und auf die Gülleinjektionsdüngung positiv aus.

„Brauchen wir das in Deutschland?“ – diese Frage stellte Herr Kuhlmann selbst und gab direkt eine Antwort: Seiner Meinung nach sei die konventionelle Landwirtschaft das Mittel der Wahl. Wenn darüber hinaus auf Gentechnik oder ähnliches zurückgegriffen werden müsse, dann nur, wenn gesundheitliche Vorteile für alle bestünden. Einen intensiveren Einsatz von Glyphosat in Kombination mit gentechnisch resistenten Kulturpflanzen, wie er in den USA üblich ist, lehnt er ab.

Aus der Perspektive der Risikobetrachtung stellte Kuhlman eine Bewertung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sowie des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bezüglich der Gefahren Glyphosats vor. Demnach versickere das Herbizid nicht, was bedeutet, dass es nicht im Grundwasser zu finden sei. Forschungen bewiesen, dass sich Glyphosat gering toxisch auf die Bienen auswirke. In diesem Zusammenhang zählte Herr Kuhlmann andere gewaltige Probleme auf, die das Insektensterben fördern. Das Mittel reichere sich zudem nicht im Körper an und sei nicht krebserregend oder reproduktionsschädigend laut der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA). Im Gegensatz dazu stuft die World Health Organisation (WHO) Glyphosat für wahrscheinlich krebserregend ein. Kuhlmann verwies dabei deutlich auf die von Menschen und Tieren realistisch aufgenommene Menge hin, die aus seiner Perspektive für den Glyphosateinsatz spreche. Allerdings schränke der Einsatz von Glyphosat die Biodiversität von Blütenpflanzen ein, was die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bestätigt.

Als Folgen eines Verbotes in Deutschland ließen sich, so Kuhlmann, weitreichende aus seiner Perspektive überwiegend negative Aspekte nennen:
– Höherer Arbeitsaufwand auf dem Acker und damit höhere Kosten für den Landwirt.
– Mehr Einsatz von Maschinen und dadurch höherer Dieselverbrauch und Umweltbelastung.
– Pfluglose Bodenbearbeitung wird erschwert, welche aber gerade in Hanglagen unumgänglich sei.
– Fehlende Ersatzherbizide mit ähnlichem Wirkungsspektrum und ähnlicher Umweltverträglichkeit und dadurch erwartbare größere Umweltbelastung.
– Freisetzung und Verlagerung von Stickstoff bei intensiver Bodenbearbeitung mit der Folge höherer Nitratbelastung des Grundwassers.

Anschließend formulierten die eingeladenen Politiker ihre Statements auf folgende Fragen:

1. Hätten Sie bei der Abstimmung in Brüssel für oder gegen die Neuzulassung des Unkrautvernichtungsmittels gestimmt?

2. Wenn sie Ihre Vorstellung von guter Landwirtschaft in drei Schlagworten beschreiben müssten, welche wären das?

Die Statements finden Sie auf Facebook und www.plus-verein.com als Video von OEins.
Herr Christian Meyer (MdL Bündnis 90/ Die Grünen, Landwirtschaftsminister a.D.) kam später und äußerte sich folgendermaßen zur Problematik:
1. Er hätte gegen eine Neuzulassung von Glyphosat gestimmt.
2. Die Landwirtschaft müsse aus dem Teufelskreis billiger und qualitativ schlechter Massenproduktion und damit einhergehender Zerstörung kleiner Höfe gerettet werden, indem sie von der Politik stärker gefördert wird.
3. Es müsse fair mit der Umwelt umgegangen werden, um die Anzahl der Höfe und die Vielfalt der landwirtschaftlichen Betriebe aufrechtzuerhalten. Die Landwirtschaft sollte nicht weiter abhängig vom Markt und mächtigen Großkonzernen sein, um die Ausbeutung von Natur und Mensch zu beenden.

Nach einigen Rückfragen aus dem Publikum an die Politiker ging es für 30 Minuten über in die direkte Diskussionsphase an bereitstehenden Tischen im Saal. Trotz einiger berechtigter Kritiken waren die Rückmeldungen zu dieser neuen Diskussionsform insgesamt sehr positiv.

Zum Abschluss begaben sich die Politiker wieder auf das Podium und die Gäste sich auf ihre Plätze. Die zentralen Fragen aus den Gruppendiskussionen sollten nun aufgenommen und im Plenum diskutiert werden.
Darüber hinaus ergaben sich weitere Fragen und viele über das eigentliche Thema hinausreichende Anmerkungen zur Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland und Europa.
Thematisiert wurden sowohl Lebensmittelverschwendung, fragwürdige Ertragssteigerungen, Tierwohl und biologische Anbaumethoden und Ernährung.
Hinter der Problematik des Glyphosateinsatzes kam als zentrales Problem der große Riss zwischen der Landwirtschaft, der freien Marktwirtschaft und den Verbrauchern zum Vorschein.

Diesbezüglich divergierten die Meinungen der Politiker:
Während die Freien Wähler, die Linke, SPD und Grüne mehr Restriktionen auf dem freien Markt und Zurückhaltung im Konsum von konventionell angebauten Produkten forderten, sprachen sich die CDU, FPD und AfD für weiteren Fortschritt in der Landwirtschaft durch Innovationen auch unter Verwendung von chemischen Hilfsmitteln wie Glyphosat aus, um qualitativ gute Lebensmittel herzustellen und hohe Erträge zur Ernährung der wachsenden Bevölkerung zu erzielen.
Auch die bedrohte Biodiversität wurden angesprochen. Diese sei, so Herr Kuhlmann, durch weniger sinnlose Bürokratie und den Abbau falscher Anreize auch in einer konventionellen Landwirtschaft deutlich zu verbessern, beispielsweise durch mehr Blühstreifen und Hecken, die nicht zu Lasten der Landwirte gehen dürften.

Den Abend zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Landwirtschaft unabhängig vom gesamtlandwirtschaftlichen Zukunftsszenario die Unterstützung der Politik braucht, um zukunftsfähig zu bleiben. Dazu gehört eventuell eine weitreichendere Regulierung der Märkte, um falsche Anreize und den Zwang zu höheren Erträgen abzubauen und damit Landwirte zu unterstützen. Es ist die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass Landwirte nicht weiter als Sündenböcke in der Gesellschaft wahrgenommen werden.

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